YouNow – Steigerung des Selbstbewusstseins oder gefährlicher Trend?

Jessica* ist 13 Jahre alt. Sie ist ein hübsches und selbstbewusstes Mädchen, das es liebt, Anekdoten und Geschichten aus ihrem Leben zu erzählen. Sie sitzt auf dem Bett in ihrem kindlich eingerichteten Zimmer. Die Wände sind gepflastert mit den neusten Bravopostern, im Hintergrund läuft die Musik verschiedenster Boybands. Sie beantwortet jede Frage, die ihr gestellt wird und tut, was man von ihr verlangt. Die Aufmerksamkeit liegt vollständig auf ihr. Als sie aufgefordert wird, ihren BH zu zeigen, tut sie auch dies. Jessica ist beliebt – denn für ihre Zuschauer tut sie alles.

YouNow ist seit seiner Entstehung im Jahr 2011 rasant zum führenden Streamingdienst im Internet geworden. Seit Ende 2014 erfreut sich der Dienst auch hierzulande einer stets steigenden Popularität. So wurden schon zu Anfang diesen Jahres etwa 16 Millionen Streams in Deutschland produziert, wie das Magazin „Stern“ berichtete. Alles, was nötig ist, um sich über die Website im Internet zu präsentieren, sind eine Webcam oder ein Smartphone, um sich selbst zu filmen und die soeben gemachten Aufnahmen noch in der gleichen Sekunde in die gesamte Welt zu senden. Im anonymen Chat können dem sogenannten Streamer nun Fragen und Aufgaben gestellt werden. Die Einfachheit des Anbieters ist gerade für die jüngere Generation sehr attraktiv. Zwar ist die Nutzung von YouNow erst ab 13 Jahren gestattet, jedoch gibt es keine Verifizierung des Alters. So bietet die Plattform neben jeder Menge Spaß auch einige unterschätzte Gefahren.

Gerade junge Nutzer lassen häufig zu tiefe Einblicke in ihre Privatsphäre zu, was laut einem Sprecher des Familienministeriums die ideale Grundlage für Mobbing und sexuellen Missbrauch bietet. Pseudonyme halten die Anonymität der Zuschauer aufrecht, während die Streamer vor ihrem Publikum ungeschützt Dinge über sich und ihr Leben erzählen, die im Nachhinein nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Vor allem Kinder vertreten häufig die Meinung, dass alles, was live passiert, nur für den Moment sei und nicht für die Ewigkeit. Was sie in ihrer kindlichen Naivität jedoch außer Acht lassen ist, dass der jeweils letzte Stream auf ihrem eigenen Profil für unbegrenzte Zeit gespeichert wird und für jeden uneingeschränkt zugänglich ist. Der Gefährdung durch die Anonymität der Zuschauer soll nun allerdings durch eine neue Funktion Abhilfe geschaffen werden. „Der Streamer kann einen Zuschauer sozusagen zum ‚Co-Streamer‘ machen, indem er ihn mit der Kamera zulässt. So können die Streamer auch mal sehen, wer alles hinter den ganzen Namen steht.“, erzählt die 15-jährige Jana.

Wer nun jedoch denkt, die neue Funktion würde den Streamern eine größere Sicherheit bieten, liegt falsch. Zwar ist sie ein kleiner Fortschritt, der dem Streamer nun eher die Möglichkeit bietet, sich ein Bild von seinem Publikum zu machen, jedoch wird die Anonymität der Zuschauer dadurch nicht vollständig aufgehoben – nur zu einem minimalen Bruchteil. Schon in ihren allgemeinen Geschäftsbedingungen macht YouNow darauf aufmerksam, dass der Streamingdienst sich jeglicher Verantwortung entzieht, wie ein Auszug aus den AGBs zeigt: „Der Begriff ‚Inhalte‘ im Sinne dieser Bedingungen bezieht sich auf jedwede Handlungen, Informationen, Videos, Texte, Software, Skripten, Grafiken, Fotos, Musikstücke, audiovisuelle Kombinationen, interaktive Merkmale und andere Materialien, die Sie sich im Rahmen des Service ansehen, auf die Sie zugreifen oder die Sie beisteuern können. YouNow ist nicht für die Inhalte Dritter verantwortlich.“ Laut des Statistik-Portals ‚Statista‘ liegt der prozentuale Anteil der Menschen, die die Nutzungsbedingungen kontinuierlich lesen, bevor sie auf einer Website aktiv werden, jedoch nur bei 27%. So tritt die Begebenheit der Weiterverbreitung im Allgemeinen gar nicht an die jüngeren Nutzer heran und ist damit hinfällig.

Die größte Gefahr des Anbieters stellt allerdings die Verknüpfung der YouNow-Profile mit Social Networking-Plattformen wie Facebook, Twitter oder Google+ dar, die zusätzliche Informationen über den Streamer preisgeben. Durch die Kopplung der Profile kann jeder im Handumdrehen Kontakt zu den Streamern aufbauen und auf deren persönliche Daten, ihren vollen Namen und im schlimmsten Fall sogar auf ihren Wohnort zugreifen. Während die junge Generation also ihrem Wunsch nachgeht, die Wirkung ihrer eigenen Person auf die breite Masse auszutesten, lässt sie vollkommen die vermehrte Gefahr von Stalking außer Acht, der sie sich unbewusst aussetzt.

Auch YouTuber wie LeFloid, Tooncraft und MrTrashpack machen inzwischen auf die Gefahren YouNows aufmerksam. „Ich habe eben drei Minuten bei einem 15 jährigen, sehr attraktiven jungen Kind / Mädel zugeschaut.“, besorgt guckt Stefan Horn, Betreiber des YouTube-Kanals Tooncraft in die Kamera. Er atmet tief aus, bevor er weiter spricht: „Ich weiß, wie sie heißt. Ich weiß, dass sie 15 ist. Ich weiß, wie ihre Schwester heißt, die ist 13. Ich weiß, in welchem Dorf sie wohnt. Ich weiß, auf welche Schule sie geht. Ich weiß, wie lang sie morgen Schule hat und ich weiß, bei welcher Bushaltestelle sie morgen um zehn vor vier sein wird. Das hab ich alles innerhalb von zwei Minuten nur gehört.“ Erst durch das Nacheifern ihrer Idole sind viele Kinder und Jugendliche darauf gekommen, den Streaming-Dienst selbst zu nutzen, um eine größere Reichweite zu erlangen und wahrgenommen zu werden. Aufgrund dessen ist die Thematisierung der Problematiken durch YouTuber, die ihre Vorbildfunktion zum Schutz ihrer Zuschauer nutzen, gerade für die junge Generation immens wichtig. Schließlich ist YouNow auch nur eine Art Youtube in Echtzeit.

*Name durch die Redaktion geändert

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